Kumulative Dissertation
An der Universität Wien kann, wie international üblich, sowohl in Form einer Monographie als auch kumulativ, d. h. in Form von mehreren, kürzeren Manuskripten promoviert werden. Beide Formen sind gleichwertig. Für die kumulative Form der Dissertation hat die Universität einen Leitfaden zur Verwendung von Publikationen in wissenschaftlichen
Arbeiten (PDF) erstellt, der sich hauptsächlich auf formale Dinge bezieht.
Häufige Fragen zur kumulativen Dissertation
Informationen auf dieser Seite fassen bislang geäußerten Erwartungen an die Qualität und Form einer kumulativen Dissertation zusammen und geben einige, über rein formale Kriterien hinausgehende Ratschläge vor allem mit Blick auf eine angestrebte akademische Karriere. Die Hinweise können über die Zeit ergänzt oder modifiziert werden und sollen als Hilfestellung für Betreuung und Dissertant*innen vor allem zu Beginn des Doktoratsstudiums dienen.
1. Müssen Manuskripte bereits veröffentlicht sein?
Nein, aber sie sollten bereits eingereicht bzw. „under review“ sein. Der Grund dafür, dass die Veröffentlichung kein Kriterium ist, liegt vor allem an den langen Review-Prozessen bei vielen Zeitschriften. Dies ist problematisch, da die meisten Manuskripte naturgemäß eher gegen Ende des Doktoratsstudiums abgeschlossen werden. Eine enge Vorgabe soll schließlich nicht dazu führen, dass man seine Artikel zu qualitativ minderwertigen Zeitschriften schickt, nur weil dort eine schnelle Veröffentlichung garantiert wird (siehe Punkt 9).
2. Zeitschriftenartikel oder Sammelbandbeitrag?
Beides ist formal möglich. Allerdings sollte man sich im Klaren darüber sein, dass heutzutage – und wohl auch in der nahen Zukunft – Zeitschriftenartikel oftmals einen höheren Stellenwert haben als Beiträge in Sammelbänden. Sowohl mit Blick auf die spätere Begutachtung als auch in Hinblick auf die eigenen akademischen Karrierechancen sollten Dissertant*innen versuchen, möglichst viele ihrer Ergebnisse in anerkannten Fachzeitschriften zu publizieren. International liegt die Entscheidung für eine kumulative Dissertation und gegen eine Monographie vornehmlich darin begründet, dass man auf diesem Wege schon Journal-Publikationen ansammeln kann, ohne dass sich dadurch der Schreibprozess verlangsamt. Entscheidet man sich für Sammelbände, geht dieser Vorteil verloren, und man könnte dann auch direkt eine Monographie schreiben.
3. Gibt es eine Mindestanzahl an Beiträgen?
Formal gesehen, nein – die gesammelten Beiträge sollen gemäß Universität Wien einer Monographie entsprechen. Je nach "Dichte" und Länge der Beiträge kann eine adäquate Anzahl zwischen drei und sieben Beiträgen liegen (siehe auch Punkt 4). Hinter verschiedenen Publikationen kann ein sehr unterschiedlicher Arbeitsaufwand stehen, und sie unterscheiden sich oft auch sowohl in ihrer empirischen und theoretischen Ausarbeitung als auch in ihrer Länge. Insofern ist die Festlegung auf eine genaue Anzahl schwierig. Ob die Substanz ausreicht, entscheiden am Ende immer die Gutachter*innen. Dies gilt jedoch auch für Monographien.
4. Was ist ein "Mantel" und gibt es einen Richtwert für die Länge des "Mantels"?
Der „Mantel“ ist die Klammer, welche die einzelnen Beiträge einer kumulativen Dissertation zusammenhält. Etabliert hat sich die Praxis, dass der Mantel aus zwei Teilen besteht – (meist mehrere) Kapitel zu Beginn und ein Schlusskapitel – und die Beiträge sich zwischen diesen beiden Teilen befinden. Die Frage nach der Länge des Mantels sollte im Zusammenspiel mit Punkt 3 gesehen werden: Hat man z.B. Theorie und Methodologie schon sehr ausführlich in den verschiedenen Beiträgen diskutiert, kann der Mantel kürzer gehalten werden. Konnte man auf diese und andere wichtigen Aspekte in den Beiträgen nicht detailliert eingehen – beispielsweise zum geschichtlichen, kulturellen, sozialen etc. Hintergrund des Untersuchungsgegenstands – dann empfiehlt es sich, den Mantel länger zu halten. Daher finden sich Mäntel mit sowohl 40 Seiten als auch mit 150 Seiten.
5. Dissertation allein oder gemeinsam schreiben?
Auch hier gibt es formal keine Vorgaben, und Erwartungen gehen je nach akademischer Kultur und Land stark auseinander. Theoretisch können ausschließlich gemeinsam mit anderen Personen verfasste oder nur allein verfasste Manuskripte eingereicht werden. Gut ist ein Mix aus beidem, um sowohl Eigenständigkeit als auch Kooperationsfähigkeit zeigen zu können. Wichtig ist – auch gemäß den Vorgaben der Universität Wien – dass man im "Mantel" der Dissertation überzeugend darlegt, welchen Eigenanteil man an zusammenverfassten Publikationen hatte, denn dieser ist Grundlage für die Begutachtung. Darüber hinaus sollte man sich darüber im Klaren sein, dass Mitverfasser*innen nicht als spätere Gutachter*innen fungieren dürfen.
6. Darf/sollte ich mit meiner Betreuung gemeinsam publizieren?
Formal ja. Es empfiehlt sich allerdings, zu viele mit der Betreuung verfasste Publikationen vermeiden. Vor allem bei internationalen Bewerbungen, inklusive den verschiedenen Förderprogrammen der EU, wird es sehr kritisch gesehen, wenn das Publikationsprofil keine Unabhängigkeit von der Betreuung aufweist. Publikationsambitionen der Supervisors sollten nicht mit der Betreuung vermengt werden. Dissertant*innen dürfen hier durchaus auf ihre Eigenständigkeit pochen.
7. Wie weise ich die einzelnen Beiträge aus?
Wichtig ist, dass es für Gutachter*innen und Leser*innen leicht zu erkennen ist, wo in der Dissertation sich die jeweiligen Beiträge befinden – was also Mantel ist und was einzelner Beitrag. Idealerweise lässt sich dies schon im Inhaltsverzeichnis erkennen, indem z.B. den Beiträgen ein im Inhaltsverzeichnis vermerkter Abschnitt vorangeht, in dem die einzelnen Beiträge aufgeführt werden. Eine zusätzliche Übersicht wie hier im Anhang kann den Gutachter*innen zudem einen guten Überblick geben.
8. Dissertation auf Deutsch oder Englisch?
Auch hier gibt es formal keine Vorgabe, prinzipiell kann in einer kumulativen Dissertation auch gemischt werden. Englischsprachige Publikationen sind aber zunehmend wichtiger geworden – deutschsprachige Publikationen erreichen weniger Leser*innen, werden von vielen Zitationsdatenbasen (wie Scopus) nicht erfasst und sind auch bei Bewerbungen oft weniger wert. Wenn es im eigenen Forschungsfeld wichtig ist, auch ein Publikum in Österreich, Deutschland oder in der Schweiz zu erreichen, sollte man auch hier einen Mix anstreben bzw. zusätzlich auf Deutsch veröffentlichen. Jede ernstzunehmende Forschung hat eine Relevanz, die auch über die Landesgrenzen hinaus bestehen können sollte. Zu bedenken ist auch, dass man sich in der Auswahl potenzieller Gutachter*innen sehr einschränkt, wenn man auf Deutsch publiziert. Dies ist insofern problematisch, als sich der Studienpräses der Universität Wien möglichst internationale Gutachter*innen erbittet. Insofern werden englischsprachige Publikationen empfohlen.
9. Welche Zeitschrift?
Formal gibt es keine Vorgaben – die Festlegung z.B. auf einen Impact Factor oder die Art des Peer Review schließt Punkt 2 bereits aus. Die Auswahl des Journals sollte man nicht überstürzt und am besten in Absprache mit der Betreuung und/oder weiteren Kolleg*innen treffen. Die leitende Frage sollte sein: Welche sind angesehene Journals in meinem Feld, auf deren Artikel meine Fachkolleg*innen und ich gern zurückgreifen? Um festzustellen, ob eine Zeitschrift überhaupt eine Rolle spielt (sprich: gelesen und zitiert wird), kann auch ein erster Blick auf Scimago Journal & Country Rank helfen: Je höher der H-Index, desto mehr bezieht sich die Forschung auf das Journal, wobei sich der H-Index je nach Forschungsfeld deutlich unterscheiden kann. Wenn eine Zeitschrift dort gar nicht auftaucht, sollte man mehr Informationen einholen. Vorsicht vor sogenannten "predatory journals": Dies sind Zeitschriften, die – manchmal gegen eine Gebühr – einen schnellen Review- und Veröffentlichungsprozess versprechen, aber unprofessionell bis betrügerisch arbeiten. Einen (nicht erschöpfenden) Überblick gibt es zum Beispiel auf dieser Webseite Predatory Journals. Auch viele MDPI-Journals haben einen problematischen Review-Prozess (im Prinzip wird alles veröffentlicht) und daher einen schlechten Ruf!
10. Was gibt es sonst zu beachten?
Wie auch im Uni-Leitfaden beschrieben, soll im Mantel erläutert werden, wie die einzelnen Beiträge zusammenhängen. Dies heißt im Umkehrschluss, dass man bei der Planung der Einzelbeiträge darauf achten sollte, dass sich die Beiträge sinnvoll ergänzen (also keine Wiederholungen oder "Salamiproduktion"), dass sie allesamt einen Bezug zur Hauptforschungsfrage aufweisen und dass sie idealerweise Unterfragen zur Hauptfragestellung, die im Mantel erläutert und begründet werden, beantworten können. Ungünstig ist, wenn das Gesamtpaket auf die Gutachter*innen fragmentarisch wirkt. Grundsätzlich sind kumulative Dissertationen im internationalen Raum gang und gäbe, so dass man sich bei internationalen Gutachter*innen gewöhnlich keine Sorgen um die Akzeptanz dieses Formats machen muss.